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Buchvorstellungen im Traunspiegel

Traunspiegel im Oktober 2019

Tante Martl, Roman von Ursula März, erschienen 2019 im Piper Verlag

„Tante Martl“ ist der Titel eines autobiographischen Romans der Literaturkritikerin Ursula März.

Erzählt wird die Geschichte Martinas, der dritten Tochter der Familie, des Nesthäkchens. Der Vater, der sich einen Sohn gewünscht hat, gibt in der Geburtsurkunde „männlich“ an. Erst nach einer Woche geht er auf Drängen seiner Frau zum Amt, um den Eintrag ändern zu lassen. Diese Geste der Ablehnung weist Martina unausweichlich einen Platz am Rande der Familie zu. Allerdings hindert diese Position im familiären Abseits Martl nicht daran, ihren Weg zu gehen. Trotz aller Zurückweisungen verlässt sie nie ihr Elternhaus. Paradoxerweise ist es genau diese Tochter, die er am wenigsten gewollt hatte, die besonders im Alter zur Stütze ihres Vaters wird.
Im Zentrum der Familiendynamik steht der erbitterte Konkurrenzkampf zwischen Rosemarie, der zweitgeborenen Tochter (Ursulas Mutter) und Martl. Lange Zeit fällt der schönen Rosemarie alles in den Schoß, auch ein geeigneter Gatte aus wohlhabendem Haus findet sich. Als der angehende Mediziner im Krieg fällt, erholt sich Rosemarie nie wirklich von diesem Schicksalsschlag.
Im Gegensatz dazu macht die alleinstehende Martl den Führerschein, kauft sich ein Auto, führt ein eigenes Bankkonto und arbeitet als Volksschullehrerin. Mit Schicksalsschlägen kommt sie deutlich besser zurecht als ihre Schwester. Trotz ihres schroffen Wesens bleibt die Erzählerin ihrer Tante stets verbunden. Erst bei ihrer Beerdigung wird ihr klar, wie beliebt ihre Tante als Lehrerin gewesen war. Zu guter Letzt vergewissert sie sich, dass der Steinmetz den richtigen Namen in ihre Grabplatte eingraviert: Martina.
Gerade weil die Titelgeberin kein Leben mit außergewöhnlichen Taten führt, steht die Hauptfigur stellvertretend für viele Frauen aus jener Zeit, die heute hochbetagt sind. Vieles von dem, was heute selbstverständlich ist, musste hart erkämpft werden. Auch daran erinnert dieser Roman. Dass die Autorin ihre Tante teilweise in der Pfälzer Mundart sprechen lässt, erhöht die Authentizität der Schilderung ihres Lebensweges.

Ursula März, in Herzogenaurach geboren, arbeitet als Literaturkritikerin, lebt in Berlin, hat eine Tochter und war unter anderem Mitglied der Jury des Ingeborg Bachmann Wettbewerbes in Klagenfurt.

Das Buch wurde vorgestellt von Bernd Moser.